Spezialisierung auf das Vollkommene

César Aira lesen (3): "Stausee"

Bevor ich mit meiner Lektüre der auf Deutsch erhältlichen Werke von Cesar Aira mit den schönen Bänden von Matthes & Seitz weitermache, bin ich zwischendurch ad fontes gegangen, zu dem Buch, das als erstes übersetzt wurde: Stausee, im Original 1992, erschien 2000 beim Grazer Droschl Verlag, und fand damals wenig Resonanz in den führenden Feuilletons. Die Rezensionsübersicht beim Perlentaucher nennt jedenfalls nur eine Besprechung in der NZZ.

Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass Airas spezielle Phantastik hier noch relativ konventionell als psychologische Zerfallserscheinung gesehen werden kann. Ein Mann namens Martín macht Urlaub (eine „Zeitkur“) in einem Haus in einem Dorf in der argentinischen Provinz Cordoba. Das Dorf heißt Embalse (Stausee), und liegt an einem Stausee (Embalse del Rio Tercero). Der Stausee hat einen Wasserspiegel, aus dem heraus man manchmal Dialoge aus der Fernsehserie Transformers vernehmen kann („Ich habe mein Möglichstes getan, um den Sieg der Deceptikons zu verhindern“).

Es ist das „tägliche Fernsehgeschwätz“, das der See wiedergibt, womit sich die anfängliche Assoziation, die mich an Solaris denken ließ, doch deutlich in eine andere Richtung hin konkretisiert. Martín ist ein „Gespenst“, also ein Mensch mit brüchigem Selbstbezug. Er findet sich in der Landschaft mit ihren vielen „falschen Perspektiven“ nie so richtig zurecht. Der See kommt ihm „wie eine Lupe vor, durch die er die Landschaft sah“, wobei Aira uns nie genau sagt, ob er die Lupe nicht auch verkehrt herum hält.

Die Geschichte der täglichen Wege von Martín wird zunehmend merkwürdiger. Aira legt auch schon früh deutliche Spuren zu seinem speziellen literarischen Nominalismus. Wenn Martín einen Spaziergang zu einem Monument, einem steinernen Pilz macht, dann sieht das, was er vorfindet, gar nicht wie eine Sehenswürdigkeit aus, und auch nicht wie ein Pilz. „Es war eher ein Name als eine Entsprechung.“

Die Sprache ist bei Aira umso selbstständiger, als er sehr genau beschreibt, aber eben nichts, das irgendwie Anker in einer gemeinsamen Wirklichkeit werfen würde (obwohl man Embalse auf der digitalen Landkarte ohne Weiteres findet). Wenn Martín Vögel singen hört, dann verunsichert ihn das. Die Verunsicherung ergibt ein großartiges Bild: „Es waren Klangpunkte, die sich in der Luft zu großen oder kleinen, sich rasch verflüchtigenden Sprühlinien zusammenfügten, durchsichtige, sich ständig vervielfachenden Wandschirme.“

Airas Vorliebe für B-Movie-Plots ist auch in Stausee deutlich ausgeprägt. Ein Professor Halley arbeitet in einem Fischzuchtinstitut offensichtlich an einer Hybridisierung von Hühnern, die wiederum dem argentinischen Fußball zu einem Wettbewerbsvorteil verhelfen sollen, indem dieser in die Lage versetzt wird, „alle in der Tierwelt vorkommenden Eigenschaften zu nutzen. Zum Beispiel das Huhn für den Ballzauber (wichtigster Bestandteil der unvergleichlichen Kunst Maradonas), den Karpfen für das Ausweichen, die Forelle für das Anschwimmen gegen den Strom. Auf diese Weise können sie den ganzen Fußball wie ein Puzzle zusammensetzen.“

Es ist ein Puzzle, das nur dann jemals zusammenpasst, wenn man Airas Prämissen folgt: „Wenn der Wahnsinn sich ausbreitet, rückt alles näher zusammen.“ Überraschend (aber ich kenne ja noch das Allermeiste von ihm nicht) sind ein paar sehr direkte politische Referenzen auf die Zeit nach der argentinischen Militärdiktatur, auf „Vorladungen und Gerichtsverfahren gegen Militärs“. Martíns mentale Auflösung hat demokratisches Pathos, denn der letzte Name, den er ausruft, ist der des Präsidenten Alfonsín, der 1983 bis 1989 amtierte – der Roman erschien 1992, seine Welt ist aber der Kalte Krieg, die Sowjetunion besteht noch.

Der Höhepunkt von Stausee ist passenderweise eine Bootsfahrt. Der Kapitän ist ein Schriftsteller namens César Aira. Diese Passage ist eindeutig der Höhepunkt des ganzen Buchs, den Aira lässt sich hier selbst als ein perfektes Ekel auftreten, als einen Mann, der „unendlich reich und schön und intelligent und lasterhaft“ ist, und dabei auch noch „real, fassbar, gleich nebenan ... wie eine Fantasie, die menschliche Gestalt angenommen hatte. Das konnte einem die beste Laune verderben.“

Die überdrehte Selbstironie dieser auktorialen Spiegelung („War Airas Spezialgebiet womöglich das Vollkommene?“) wird brillant kolloquial entschärft. Denn über diesen Super-Aira wird natürlich getratscht. Und wie tratschen Leute? Dieser Aira ist doch „ein bisschen versoffen“. Stimmt eigentlich. Genau genommen ist er „von allem ein bisschen“.

Aira („der angesehen Schriftsteller, ha ha“) hat leicht lachen über sich, denn er zeigt sich hier schon im Begriff, das Kommando über ein literarisches Universum zu übernehmen, in dem er auch deswegen alle Freiheiten hat, weil er sich an japanischen Zeichentrickfilmen orientiert.

César Aira, Stausee. Aus dem Spanischen von Maria Hoffmann-Dartevelle, Droschl 2000

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