Einsame Entscheidung

Lektüre: "Franz Jägerstätter" von Erna Putz

Als ich mich Anfang 2000 in Berlin niederließ, folgte bald darauf der obligate Besuch der Eltern. Dabei stand eine Sehenswürdigkeit ganz oben auf der Tagesordnung: die Gedenktafel für Franz Jägerstätter am Witzlebenplatz in Charlottenburg.

Der besondere Bezug unserer Familie zu diesem Mann aus dem Dorf Sankt Radegund im Innviertel, der im Zweiten Weltkrieg den Dienst in der Wehrmacht verweigerte und dafür 1943 hingerichtet wurde, hat mit dem Priester Josef Steinkellner zu tun. Er wurde in der Zeit, in der er Kaplan in Windischgarsten war, zu einer wichtigen religiösen Bezugsperson für unsere Eltern, und nach seiner Versetzung nach Tarsdorf kam er mit den Kreisen um Franziska Jägerstätter in Kontakt, die ihren Mann um viele Jahrzehnte überlebte und erst 2013 im Alter von 100 Jahren starb. Sie hielt den Entschluss von Franz Jägerstätter auch gegen viele Anfeindungen nach dem Krieg jederzeit in Ehren.

Dass ich jetzt die wichtigste Jägerstätter-Biographie gelesen habe, hat auch mit einer Filmangelegenheit zu tun: Terrence Malicks nächster Film heißt Radegund, er sollte eigentlich längst fertig sein, noch weiß man aber nicht, wann und wo er endlich gezeigt werden wird. Das Buch von Erna Putz erschien 1987 im oberösterreichischen Veritas-Verlag. Es war damals eine Pionierarbeit in einer geschichtspolitischen Landschaft, in der die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg vielfach noch vom Kameradschaftsbund (also von den Vereinigungen der Kriegsteilnehmer, die überlebt hatten) geprägt wurde.

Schon unmittelbar nach Kriegsende hatte die Kirche Schwierigkeiten, Jägerstätters Heldenmut zu vertreten. Sie fürchtete die Frage der Kriegsheimkehrer: „Warum habt ihr uns das nicht gleich gesagt, dass diejenigen die größeren Helden sind, die nicht gekämpft haben?“ Franz Jägerstätter lehnte den Nationalsozialismus ab, und wurde in dieser Überzeugung durch einen tiefen christlichen Glauben immer gewisser. Er wies deswegen auch Auswege wie einen Dienst bei der Sanität zurück.

Erna Putz erzählt davon eine zweifache Geschichte: von Jägerstätter selbst, von seinen Beziehungen und Überlegungen, sind für einen einfachen Bauern relativ viele Dokumente überliefert (neben Briefen auch Selbstreflexionen). Diese persönlichen Angelegenheiten setzt Putz in Verbindung mit kirchenpolitischen Bemühungen aus dieser Zeit. Eine Stellungnahme des Linzer Bischofs Gföllner ist in diesem Zusammenhang sehr aufschlussreich:

„Der nationalsozialistische Rassenstandpunkt ist mit dem Christentum völlig unvereinbar ... Das jüdische Volk nur wegen seiner Abstammung verachten, hassen und verfolgen, ist unmenschlich und antichristlich. .... Verschieden allerdings vom jüdischen Volkstum und von der jüdischen Religion ist der jüdische, internationale Weltgeist. Zweifellos üben viele gottentfremdete Juden einen schädlichen Einfluss auf fast allen Gebieten des modernen Kulturlebens.“ Die Zurückweisung der NS-Rassenpolitik ist also selbst rassistisch imprägniert.

Selbst bei Franz Jägerstätter, der eine bemerkenswerte intellektuelle Unabhängigkeit an den Tage legte, gibt es noch Spuren dieser Widersprüchlichkeit:

„Ich glaub, es ist (bei der österreichischen Volksabstimmung 1938 über den Anschluss an NS-Deutschland) nicht viel anders zugegangen als am Gründonnerstag vor mehr als 1900 Jahren, wo man dem jüdischen Volke freie Wahl gegeben hat zwischen Christus, dem unschuldigen Heiland und dem Verbrecher Barabas, auch damals hatten die Pharisäer Geld ausgeteilt unter das Volk, um fest zu schreien, um diejenigen, die noch zu Christus gehalten, irrezuführen und einzuschüchtern.“ Das Ressentiment gegen die Pharisäer ist ein Topos des christlichen Antijudaismus.

Jägerstätter sah im Nationalsozialismus eine „antichristliche Volksgemeinschaft“, aus der er sich durch Treue zu „unserem lieben Heiland“ ausnehmen wollte. Immer wieder stellt er „diese schlimme Menschenfurcht“ gegen eine Gottesnähe, die intensiv mit Jenseitshoffnungen und Sühnelogiken verbunden war. Er war aber auch ein aufmerksamer Beobachter und wusste die Geschehnisse einzuordnen: Im niederösterreichischen Ybbs, wo es eine „sehr große Irrenanstalt“ gab, „sollen sich (...) sehr traurige Dinge abgespielt haben“.

Und 1942/43, als Jägerstätter schon jederzeit mit der Einberufung rechnen musste und sich auf seinen Widerstandsakt geistig vorbereitete, notierte er: „Welcher Katholik getraut sich, diese Raubzüge, die Deutschland schon in mehreren Ländern unternommen hat und noch immer weiterführt, für einen gerechten und heiligen Krieg zu erklären?“ Die Anspielung auf christliche Rationalisierungen der jesuanischen Gewaltslosigkeitsethik zeugt davon, dass er immer wieder mögliche Gegenargumente gegen seinen einsamen Entschluss in Betracht zog. Aber am Ende war der christliche Glaube für ihn Orientierung genug, um gegenüber dem Nationalsozialismus und der Kriegs- und Vernichtungspolitik einen klaren Standpunkt zu beziehen.

Jägerstätter wurde am 9. August 1943 in Brandenburg hingerichtet.

Er starb in der Glaubensgewissheit, dass Gott ihn auch dahingehend beurteilen würde, „ob wir uns ausgekannt haben oder nicht“. In den wesentlichen Angelegenheiten kannte Franz Jägerstätter sich in jedem Fall aus.

Erna Putz: Franz Jägerstätter ... besser die Hände als der Wille gefesselt, Linz 1987

Das Bild zeigt unseren Vater, Franz Rebhandl, mit Franziska Jägerstätter. Und unten noch ein anderes, bei dem ich, bei allem Respekt für die Situation und die Personen, immer an einen Film von den Brüdern Farrelly denken muss.

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